"Vom praktischen Bedürfnisse der Philosophie", in Kurze Encyklopedie der Philosophie, 1e section "Elementarlehre" (pagination Flügel)

Johann Friedrich Herbart, 1831



Chapitre 1 : Vom praktischen Bedürfnisse der Philosophie

-        § 1

-        « Wie den Naturforscher jede Erweiterung seines Wissens durch’s Erfahren und Beobachten erfreut : so giebt es auch für den Denker ein Interesse an der blossen Zusammenordnung und vollendeten Bestimmung seiner Begriffe. Aus diesem Interesse quillt das speculative Bedürfnis der Philosophie. Aber oftmals ereignet sich’s, dass die Befriedigung eines Bedürfnisses um etwas abweicht von der Erwartungen, mit denen es Anfangs verbunden war. Das spekulative Bedürfniss des Denkers veranlasst gewöhnlich die Meinung, aus der Zusammenordnung aller Hauptbegriffe werde ein ungeteiltes Ganzes hervorgehen ; dieses Ganze wird unter dem Namen Philosophie gesucht. Hingegen findet man nach gehöriger Arbeit anstatt des gesuchten Ganzen drei völlig verschiedene Wissenschaften. Nur eine derselben, die Metaphysik, welche, das Wort im weitesten Sinne genommen, die Betrachtung über uns selbst, über die Aussenwelt, und über das höchste Wesen in sich fasst, gewährt, teilweise wenigstens, ein Wissen. Es sondert sich aber von ihr, unter dem Namen der Logik, eine Reihe von Bestimmungen über Begriffe als solche, über deren Verhältnis und Verknüpfung, ohne Rücksicht auf die Frage, welcheGültigkeit die Begriffe haben mögen. Es sondern sich ferner mancherley Klassen von solchen Bestimmungen, die bloss einen Wert oder Unwert anzeigen, ohne Rücksicht auf zufällige Neigung und Liebhaberei ; die wichtigsten dieser Wertbestimmungen beziehen sich auf das Wollen und Handeln ; das System derselben heisst Ethik oder praktische Philosophie, und begreift das Naturrecht sowohl als die Politik in sich. Will man aber alle Wertbestimmungen, ohne Rücksicht auf den Unterschied der Klassen und Gegenstände, zusammenfassen, so findet sich für die heraus entspringende Gesammtheit kein anderer Name, als der, der Ästhetik, welcher im wissenschaftlichen Sinne auch die praktische Philosophie angehört. Schon die Alten, indem sie Logik, Physik und Ethik unterschieden, hatten die drei Teile der Philosophie gefunden ; und die Sonderung muss bleiben, weil sonst die verschiedenen Methoden der Untersuchung sich vermischen und verwirren. » p. 24-25