"Vom Unterschiede des moralischen und ästhetischen Urteils", in Kurze Encyklopedie der Philosophie, 1e section "Elementarlehre" (pagination Flügel)

Johann Friedrich Herbart, 1831



Chapitre 5 : Vom Unterschiede des moralischen und ästhetischen Urteils

-        § 45 : « Nun setzt aber alles Vorziehen und Verwerfen zuerst voraus, die Gegenstände desselben seien wahrgenommen, oder wenigstens durch irgend eine Vorstellung, wenn auch nur in der Einbildung, aufgefasst worden. Die blosse Vorstellung, ohne den Zusatz des Vorziehens oder Verwerfens, heisst eine theoretische ; bleibt es dabei allein, so wird der Gegenstand als ein gleichgültiger vorgestellt. Hingegen der Zusatz : vorzüglich oder verwerflich, giebt dem Gegenstande, als dem logischen Subjecte, ein Prädicat. Die Verbindung zwischen Subject und Prädicat heisst nun bekanntlich allemal ein Urteil. Diejenige Art von Urteilen aber, welche das Prädikat der Vorzüglichkeit oder Verwerlichkeit unmittelbar und unwillkürlich, also ohne Beweis und ohne Vorliebe oder Abneigung, den Gegenständen beilegt, heisst ästhetisches Urteil » p. 80

-        « Jedermann weißt, dass die Sphäre der ästhetischen Urteile sehr viel grösser ist, als die der moralischen. In der Tat, gibt es solcher Urteile, die ein unwillkürliches Vorziehen und Verwerfen ausdrücken, sehr viele und von ganz verschiedener Art in den mancherlei Künsten. Ihnen unterwirft sich der Künstler ; und daraus entsteht für ihn eine eigene Art des Gewissens, welches ihm Zeugnis gibt von dem Grade der angewandten Sorgfalt in Ausübung der Kunst. Aber wer nicht Künstler ist, bekümmert sich nicht darum ; denn aus seinen ästhetischen Urteilen über vorkommende Gegenstände wurden keine Vorsätze, daher auch kein Gewissen. Noch mehr : der Künstler selbst klebt nicht an der Kunst ; er lässt sie, wenn es ihm beliebt, und ihn sonst nichts treibt, ruhen, oder giebt sie ganz auf. Dass es sich mit den Bestimmungen über den Wert des Willens ganz anders verhält, liegt am Tage ; denn das Wollen kann man nicht aufgeben ; es ist der Sitz des geistigen Lebens. Dennoch hat man, wie es scheint, nicht gewusst dass ästhetische Urteile unter andern auch den moralischen zum Grunde liegen. Im gemeinen Leben braucht man es nicht zu wissen ; aber wenn die Schulen es auch nicht wissen, so geraten die Systemen in Verwirrungen, die man noch wohl kennt“ » p. 80-81