Ă„sthetische GefĂĽhle

Wundt Wilhelm Max, 1874


Die Gefühle, die an unsere Vorstellungen gebunden sind, bewegen sich zwischen den Gegensätzen des Gefallens und Missfallens. Sie gehen, gleich den sinnlichen Gefühlen, aus der Eigenschaft des Bewusstseins hervor, durch seinen Inhalt in der Form contrastirenden Zustände bestimmt zu werden. Wie nun die Vorstellung selbst auf einer Mehrheit von Empfindungen beruht, die nach psychologischen Gesetzen zusammenhängen, so ist auch das ästhetische Gefühl nicht etwa eine Summe sinnliche Einzelgefühle, sondern es entspringt, aus der Verbindungsweise der Empfindungen, und der Gefühlston der letzteren bildet nur den sinnlichen Hintergrund auf welchem das ästhetische Gefühl sich erhebt. Dieses befindet sich in vielen Fällen dem Indifferenzpunkt zwischen seinen Gegensätzen so nahe, dass wir uns desselben nicht deutlich bewusst werden. Aus diesem Grunde pflegt man das ästhetische Gefühl auf das Gebiet der im engeren Sinne so genannten ästhetischen Wirkungen einzuschränken. Doch sind bei den letzteren jene Gefühle, welche an und für sich alle Vorstellungen begleiten, nur zu grösserer Stärke entwickelt. Die psychologische Untersuchung muss den Begriff in seinem weiteren Sinne nehmen. Trotzdem wird es angemessen sein, auch hier von der ästhetischen Wirkung in ihrer gewöhnlichen Bedeutung auszugehen, weil bei ihr die Bedingungen der an die Vorstellung gebundenen Gefühle der Beobachtung deutlicher vorliegen. Bei allen Vorstellungen vollzieht sich die Verbindung der Empfindungen in dem allgemeinen Rahmen der beiden Anschauungsformen, der Zeit und des Raumes. Auf den Zeit- und Raumverhältnissen der Vorstellungen müssen daher die elementaren Bedingungen der ästhetischen Gefühle beruhen. Das Gehör, als zeiterweckender Sinn, gibt durch die zeitliche Verbindung seiner Vorstellungen, das Gesicht, als wichtigstes Organ der Raumanschauung durch die räumliche Beziehung derselben zu Gefühlen Anlass, und Beide Quellen vereinigen sich in der Bewegung.

Indem der Gehörssinn theils die gleichzeitigen theils die auf einander folgenden Eindrücke ordnet, ergeben sich für ihn zwei Grundformen ästhetischer Gefühle: Harmonie und Disharmonie, Rhythmus und Arrhythmie. Die Grundlage der Harmonie ist, wie ausführlich gezeigt wurde, die Coinzidenz bestimmter Theiltöne verschiedener Klänge. Die Harmonie ist am vollkommensten bei jenen Intervallen, bei welchen die Uebereinstimmung der Theiltöne hinreicht, und die Verwandtschaft deutlich empfinden zu lassen, und doch durch differente Klangbestandtheile das Zusammenfliessen zum Einklang verhindert ist. Gefallen entsteht also, wenn bei gleichzeitigen Klängen Uebereinstimmung und Verschiedenheit neben einander bestehen. Vermöge der ersteren lassen wir den Zusammenklang als eine Einheit, vermöge der letzteren doch nebenbei als eine Mannigfaltigkeit auf. Seine bestimmtere Färbung gewinnt aber das Harmoniegefühl erst durch die besondere Art der Klangverbindung. Der Dur-Accord, zusammengehalten durch den als Combinationston wahrgenommenen Grundklang, erscheint unmittelbar als eine Klangeinheit. Der Moll-Accord entbehrt dieser Verbindung. An die Stelle des Zusammenhalts durch den Grundklang tritt durch den coincidirenden Oberton ein Abschluss auf der entgegengesetzten Seite der Tonreihe. Dazu kommt als sinnlicher Hintergrund der Accordwirkung der Kraftvolle Charakter der tiefen Töne, der durch den Grundklang sich dem Durdreiklang mittheilt, und der im Moll durch den entgegengesetzten Charakter des übereinstimmenden Obertons ersetzt wird. So kommt es, dass wir nur beim Duraccord in dem positiven Gefühl der Harmonie befriedigt ruhen, während der Mollaccord vielmehr ein Streben nach der Harmonie als diese selbst ausdrückt. Er erhält dadurch jenen sehnenden Charakter, der die Molltonarten zur Schilderung gewisser Gemüthslagen so ausserordentlich geschickt macht. Zwischen die volle Harmonie, welche die Abrundung in einem zusammenfassenden Grundklang verlangt, und die Disharmonie, welche jeder Vereinigung widerstrebt, tritt als vermittelndes Glied der Mollaccord. In ihm wird das Harmoniegefühl in einer unerwarteten Weise erreicht, durch Zustreben nach einem gemeinsamen hohen Ton statt durch Aufbau von einem Grundton aus. Die Disharmonie selbst ertragen wir nur als Uebergangsstimmung: sie muss sich in Harmonie auflösen, damit die befriedigende Wirkung der letzteren um so reiner hervortrete. Verstärkt wird diese Wirkung durch die Dissonanz, die der störenden Wirkung, welche die Unvereinbarkeit der Einzelvorstellungen auf unser Bewusstsein ausübt, die unmittelbare Störung der Klangempfindungen hinzufügt.

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