Extrait de : "Emprirische Psychologie nach naturwissenschaftlicher Methode", 2te. Auflage, §§77-78, Hamburg und Leipzig, Voss, 1898[1842], pp. 201-205 [sections consacrées au concept de « sentiment partagé » (Mitgefühl )].

Drobisch Moritz Wilhelm, 1842

§77. Es lässt sich nicht verkennen, dass die poetische Auffassung der Dinge die Theilnahme an den Dingen vermehrt, sie uns interessanter macht. Offenbar steht dies im Zusammenhange mit der Vergeistigung, d. i. Vermenschlichung der Objecte, durch die sie uns näher gebracht werden. Wir kommen damit aber auf ein besondres, ebenfalls der Association entspringendes Gefühl, nämlich auf die Sympathie, das Mitgefühl, die Theilnahme, die entweder Mitleiden oder Mitfreude ist. Dass in beiden Fällen ein empfindendes Wesen, also ein Mensch oder Thier vorausgesetzt wird, versteht sich im Grunde von selbst: denn der Name lehrt es. Die poetische Empfindsamkeit kann jedoch auch die geliebten Blumen mit einer Zärtlichkeit behandeln, die sonst nur dem Schooshündchen zugewendet wird, und die poetische Auffassung lässt sich uns nicht ohne eine Art Mitgefühl den Sturz einer uralten Eiche grausamen Axt des Holzhauers mit ansehen. Das Mitleiden ist von häufigerm Vorkommen als die Mitfreude gewöhnlich nur befreundeten Herzen gilt, indess im entgegensetzten Falle sich vielmehr an ihrer Stelle häufig Missgunst und Neid einfinden. Nur rohe Gemüther aber vermögen den Leiden ihrer Feinde Mitleid zu versagen, und nur die grösste Verworfenheit weidet sich an dem Schmerze Andrer - das Mitgefühl sich auf Angenehmes und Unangenehmes oder Unlust in einem Andern beziehen, immer ist es Nachbildung eines fremden Gemüthszustandes in uns. Die Wahrnehmung körperlichen Leidens bei Menschen und Tieren bringt analoge Empfindungen in uns hervor; die unschuldigen Spiele der Kinder, das häusliche Glück eines jungen Paares lassen uns das, was wir selbst ehemals genossen und gefühlt, noch einmal mit geniessen. Dennoch ist Mitleide und Mitfreude ein wesentlich verschiedener psychologisch Zustand: es ist das einemal eine Steigerung des Gefühls, das andremal nicht statt findet oder gar durch einen Contra ersetzt wird. Das Mitleiden nämlich ist nicht blos eine Nachbildung des fremden Schmerzes, sondern dieser ruft zugleich ein Streben hervor, durch das wir ihn zu entfernen suchen eine Verabscheuung. Dauert nun aber die Mitgefühl erregend Wahrnehmung fort, so bleibt dieses Streben ohne Erfolg, und entsteht noch ein zweites peinliches Gefühl, dasjenige des Drucks, der Hemmung, des Widerstands, das wir schon oben charakterisirt haben. Hier findet sich also eine Steigerung und Verstärkung widerwärtiger Gefühle. Anders dagegen bei der Mitfreude. Nur dann mochte diese ganz harmlos sein, wir selbst auf den Genuss, den wir wahrnehmen, keinen Anspruch mehr machen. Der Vater kann sich an den Spielen seiner Kleinen nicht noch einmal selbst ergötzen, er belächelt ihre Freude und geniesst sie nur, indem er sich erinnert, auch einst durch Spielzeug entzückt worden zu sein. Die Matrone freut sich herzlich der bräutlichen Tochter, aber für sie die Zeit der jugendlichen Liebe längst vorüber. Wo dagegen Genüsse wahrgenommen werden, deren der Beschauer noch fähig ist, oder auf die er noch nicht verzichten will, da giebt der Mitgenuss mindestens ein sehr gedämpftes, wo nicht gar getrübtes Lustgefühl. Die gleichalterige Jugendfreundin der Braut, auch wenn sie ihr den stattlichen Bräutigam nicht neidet, hat eine andre Art von Mitfreude als die Mutter. Indem sie die Wonne der Braut mitfühlt, findet sich ihr Herz noch nicht befriedigt, sondern nur die Sehnsucht nach ähnlichem Glück wird in ihr geweckt. – Natürlich kann alles dieses durch die Herrschaft der Reflexion und der guten Gesinnung bedeutend modificirt werden. Mitbedeutend modificirt werden. Man kann die den vollen Mitgenufs hinderliche Begierde im Keime unterdrucken und die Quelle des Neides verstopfen; dann gewährt die Zufriedenheit mit sich selbst allerdings noch ein moralisches Gefühl der Billigung und der selbstbeherrschenden Kraft, das die Heiterkeit des Gemüths hoch steigern kann; aber es bedarf doch eben erst eines solchen künstlichen Mittels, um die Mitfreude auf eine Höhe zu bringen, die das Mitleiden ganz von selbst erreicht. Dagegen lässt sich durch Hülfe der Reflexion allerdings auch die Heftigkeit des Mitleids mässigen, dann nämlich, wenn sie die Verabscheuung nicht aufkommen lässt und dadurch das aus deren Nichterfüllung hervorgehende peinliche Gefühl in der Geburt erstickt, an dessen Stelle nun ebenfalls moralisches Kraftgefühl tritt, das den unangenehmen Eindruck noch mehr herabstimmt. Voll Mitleid und Entsetzen wendet sich der blos gefühlvolle Mensch von der klaffenden Wunde seines Mitmenschen hinweg: der zur Verabscheuung gewordene Mitschmerz treibt ihn dazu, indess der Wundarzt, anfangs durch Reflexion (die ihm ja sagt, dass der Fliehende wenigsten Mitleid bethätigt), später aus Gewohnheit einen solchen Widerwillen nicht aufkommen lässt, und dadurch das Mitgefühl in einem Grade dämpft, der dem Zuschauer manchmal sogar wie Gefühllosigkeit vorkommt.

§78. Es bleibt nun noch übrig, von der Entstehung des Mitgefühls und den dasselbe begünstigenden oder lähmenden Umständen zu reden. Vor Allem liegt ihm die Wahrnehmung der Vorstellung des Genusses oder Schmerzes eines andern fühlenden Individuums zum Grunde: denn auch die blosse Vorstellung eines leidenden Wesens reicht schon hin, uns zum Mitgefühl zu stimmen, wie wir bemerken können, wenn wir lichteten Personen unsre Theilnahme schenken, oder unsern Beobachtungen eine falsche Auslegung geben, wie z. B. beim Anblick epileptischer Personen oder vom Krampf befallener Kinder, wo wir geneigt sind, ihre Zuckungen als die Zeichen des heftigsten Schmerzes auszulegen. Diese Wahrnehmungen und Vorstellungen bilden nun also mit mehr oder weniger Lebendigkeit analoge Gefühlszustände in uns nach, die zu unsern eignen Leiden und Freuden werden. Je vollkommner wir uns in die Lage des Leidenden oder Geniessenden zu versetzen im Stande sind, je besser wir die äusseren Zeichen seiner Lust oder seines Schmerzes verstehen, um so mehr fühlen wir mit ihm. Daher wird unser Mitgefühl Individuen unsrer eignen Gattung, Menschen, am stärksten zu Theil, und unter diesen wieder, unter übrigens gleichen Verhältnissen (z. B. abgesehen von den Steigerungen oder Minderungen, Liebe und Hass hervorbringen mögen), wieder am meisten denjenigen, die uns am nächsten stehn. Gewiss hat, zum Theil wenigstens, die gefühllose Grausamkeit der Sklavenhändler und Pflanzer gegen die Neger ihren Grund in der Meinung, als habe man es hier, genau genommen, mit einem Geschöpf einer andern Gattung zu thun. Eben dahin gehört die harte Behandlung der Fremden bei vielen rohen Völkern, die bei gebildeten Nationen gerade einer grössern Aufmerksamkeit Platz macht, weil diese, anstatt den Fremden zu fürchten vielmehr seine Hülfslosigkeit in Erwagung ziehen, und daher, wenn er in Krankheit und Noth geräth, sein Leiden nur um so höher anschlagen. Auch die Thierquälerei der Kinder hat man hieher zu rechnen. – Ferner ist unser Mitgefühl um so grösser, je ähnlichere Zustände wir selbst empfunden haben: denn nun reproduciren sich durch die Wahrnehmung die Erinnerungen an diese, indess, wo solche Erinnerungen fehlen, es bei unbestimmten Vorstellungen bleibt. Ebendaher ist zuweilen auch Mangel an Phantasie Grund der Theilnahmlosigkeit. Menschen dieser Art denken sich nichts beim Anblick Leidender, sie sind zu Henkern geboren. Dass der Egoismus, die Selbstsucht, dem Mitgefühl hinderlich ist, lässt sich leicht begreifen, da die Aufmerksamkeit des Egoisten sich immer nur auf den eignen Vortheil oder Nachtheil richtet und er nicht nach Nutzen oder Schaden Andrer zu fragen gewohnt ist, den er völlig unberücksichtig lässt, und der sich ihm also auch nicht im Gefühl vergegenwärtigen kann.

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